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Die Smart Driver Insurance App: Fährst du noch oder lenkst du schon?

Wer bremst, verliert? Von wegen. Wer bremst, gewinnt. Günstigere Prämien beispielsweise. Telematik-Tarife sind die Zukunft der Kfz-Versicherungen.

Ein kleiner Auffahrunfall an einer roten Ampel, Freitagnachmittag. Blechschaden. Lästig, aber eine Dokumentation muss gemacht werden. Ich zücke mein Handy und betätige meine App. Zuerst mache ich mit der Kamera einige Bilder von dem Schaden, bevor ich mit einer Sprachaufnahme den Unfallhergang rekapituliere. Noch während ich zu Hause Bescheid gebe, dass ich mich verspäte, vergleicht die Plattform meiner Versicherung anhand meiner zur Verfügung gestellten Daten Werkstätten der Gegend und holt Angebote für die Reparatur ein. Habe ich mich für eines entschieden, wartet der Mechaniker bereits mit dem Schlüssel des Mietwagens in der Hand für die Weiterfahrt.

 Die „Pay as you drive“-App

Zukunftsmusik? Vielleicht. Aber aus einer nicht allzu weit entfernten Zukunft. Zumindest, wenn es nach Stephan Bautz geht, Mitarbeiter im Bereich Data & Analytics bei PwC. Der 30-Jährige entwickelt bei PwC eine Smart Driver Insurance App, in der auch die Möglichkeit, eine Unfallaufnahme per App abzuwickeln, zum Standard gehören soll.

 

Vorläufig dient die PwC Smart Driver Insurance App aber noch hauptsächlich dazu, Autolenker für ein sicheres Fahrverhalten zu entlohnen. Der Vorgang basiert auf einem einfachen Prinzip: Autofahrern, die sich sicherer im Alltagsverkehr verhalten, winken Prämienkürzungen ihrer Versicherungsbeiträge. Die App speichert ihr Fahrverhalten, indem sie etwa Regelmäßigkeiten im Brems- und Beschleunigungsverhalten überprüft, aber auch physikalische Berechnungsmodelle wie Kurvenverhalten in die Kalkulation miteinbezieht. Kurzum: Autolenker, die häufiger bremsen und beschleunigen, werden als aggressivere Fahrer eingestuft.

 

„Wir sehen anhand der Daten, wie oft der Lenker zu schnell fährt, zu welcher Uhrzeit er unterwegs ist, auf welcher Straße und zu welchen Witterungsbedingungen“, erklärt Bautz. „Daraus können wir Scores berechnen und Versicherungen zur Verfügung stellen, die aufgrund der Daten einen personalisierten Vertrag anbieten.“

Der digitale Co-Pilot?

Damit das funktioniert, bedarf es natürlich einer essenziellen Voraussetzung: der Bereitschaft des Versicherten, diese Daten auch zu teilen. Der Gedanke, dass jede Überschreitung um 5 km/h oder jeder Ausflug auf den McDonaldʼs Drive-in mitgeschrieben werden, ist auf den ersten Blick nicht sonderlich erbauend. Bautz relativiert diese Bedenken.

 

„Die bloße Aussicht auf beispielsweise 20 Prozent Prämienerlass ist natürlich oft nicht genug Anreiz, um bei diesem ‚Pay as you drive‘-Prinzip mitzumachen“, so der PwC-Experte. „Aber es geht um den Zusatznutzen. Die Versicherung hat die Möglichkeit, dem Kunden zu sagen: Sieh mal, im Winter fährst du signifikant schlechter als im Sommer – wie wäre es mit einem Fahrsicherheitstraining, auf das du von uns sogar noch 10 Prozent Rabatt bekommst?“

Gamification als Bonus

Dass das Modell individualisierter Prämienmodelle kommt, steht jedenfalls außer Frage. In den USA ist bereits jeder zehnte Autofahrer in einem Telematik-Tarif versichert, laut einer Studie des Beratungsunternehmens Towers Watson sank die Unfallzahl dieser Verkehrsteilnehmer um 40 Prozent. Seitdem im letzten Jahr die größten deutschen Kfz-Versicherer Allianz und HUK Telematik-Tarife in ihr Portfolio aufnahmen, steht auch die Branche hierzulande vor Umwälzungen. Für Versicherungen ergeben sich interessante Vorteile. „Versicherungen kamen immer nur in Kontakt mit ihren Kunden, wenn diese einen Schaden hatten und Geld von ihnen wollten“, erklärt Stephan Bautz. „Mit diesen Apps haben Versicherungen einen direkteren Kanal, um mit ihren Kunden zu kommunizieren, unabhängig von einem Schadensfall.“

 

Dazu gehören etwa Benachrichtigungen, dass man aufgrund eines Staus vielleicht früher losfahren sollte, oder der Hinweis auf eine fehlende Auslandsversicherung, während der Lenker auf einen Grenzübergang zurollt. Es sind solche Benefits, die ein jüngeres Zielpublikum, das als weniger App- und Cloud-scheu gilt als ältere Fahrzeuglenker, dazu bewegen sollen, das Autofahren der Zukunft eher als umsichtiges, sicheres Fahren zu schätzen statt als auspuffgrölendes Erlebnis auf der Autobahn.

 

Daher bietet die App auch Gamification. So können User beispielsweise Ligen bilden und ihre Scorerpunkte vergleichen. Diese Ligen können aus Freunden bestehen, die sich in einer Gruppe einen Wettkampf um den sichersten Fahrer liefern, oder auch aus Pendlern, die jeden Tag die gleichen 100 Kilometer zur Arbeitsstätte fahren und sich als Gruppe zusammenschließen. Der Vergleich der Scorerpunkte macht Spaß, ist sicherer, reduziert die Versicherungsprämie – und schont im Idealfall auch die Umwelt.

Der Umwelt zuliebe

„Ich verwende unsere App und habe festgestellt: Ich verschwende seither weniger Benzin, da ich sanfter fahre und nicht ständig bremse oder beschleunige“, erläutert Bautz, selbst Jahrgang 1987. „Zweitens achte ich auf die Geschwindigkeit, denn im Hinterkopf weiß man immer: Wenn ich schlecht fahre, rutsche ich in der Wertung zurück. Dieser kleine Ehrgeiz fährt mit.“

 

Und wenn es doch mal einen kleinen Schaden geben sollte, steckt der Sachverständige in Zukunft womöglich bereits in der Hosentasche.