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Blockchains:

Wie tief greifend verändern sie die Finanzbranche?

Bitcoin ist das bekannteste Beispiel einer Revolution in der Finanzbranche. Die Blockchain-Technologie, auf der das digitale Geld basiert, kann jedoch noch für viel tiefer greifende Veränderungen sorgen.

Manche Stimmen sagen, die Technologie der Blockchain sei mindestens so revolutionär wie die Erfindung des Internets in den 1990er Jahren. Denn während das Internet in der Anfangsphase unzählige neue Wege der Datensuche und einen zusätzlichen Kommunikationskanal eröffnete, geht Blockchain einen Schritt weiter.

 

Das bei der Blockchain verwendete dezentrale Register („Distributed Ledger“) ermöglicht es, so gut wie alle Arten von Daten in einem Peer-to-Peer-Netzwerk zu teilen und zu handeln, indem elektronisch nahezu in Echtzeit auf mehreren Rechnern gleichzeitig verschlüsselte Datenblocks erstellt, aktualisiert und koordiniert werden. Jede Transaktion oder Veränderung wird von allen Rechnern eines Netzwerks registriert, geprüft, bestätigt und dokumentiert, was das System effizient, transparent und fälschungssicher macht. Sprich: Jede nachträgliche Veränderung ist sofort erkenn- und nachvollziehbar.

 

Durch eine Verschlüsselung wird die Identität der Nutzer geschützt. Der dezentrale Aufbau macht zentrale Legitimationsinstanzen wie eine Bank überflüssig.

 

Vertrauenswürdig und kostensparend

 

Das Potenzial der Blockchain-Technologie für die Finanzbranche ist dadurch immens und reicht von der Möglichkeit, Netzwerks- und Transaktionskosten zu verringern oder Kapital freizusetzen, bis hin zur Chance, Risiken zu reduzieren. Fast alle Banken, Notenbanken und Regulierer sowie zahlreiche Start-ups aus dem Bereich Finanztechnologie (FinTechs) und Software-Häuser beschäftigen sich mittlerweile mit dem Thema. Allein 2015 flossen global knapp über eine Mrd. US-Dollar an Risikokapital (Venture Capital) in Blockchain-Start-ups – mit erheblicher Chance auf Steigerung.

 

In New York haben sich mehr als 50 internationale Finanzdienstleister unter dem Dach eines US-FinTechs zusammengeschlossen, um zu erforschen, wie die Technologie für die Branche nutzbar ist und welche Standards und Regulierung dafür notwendig sind. Zusätzlich laufen Pilotprojekte in einzelnen Instituten. In London beschäftigen sich mehrere Institute aus den Bereichen Wertpapierhandel und verwaltung, Börsenbetrieb und Clearing mit den möglichen Implikationen für das eigene Geschäft. Die US-Technologiebörse NASDAQ testet im Private Market eine Blockchain-Technologie. Die Bank of England untersucht, ob Distributed Ledger das von ihr betriebene Abwicklungssystem zum Transfer von Großbetragszahlungen RTGS (Real-Time Gross Settlement) widerstandsfähiger gegen Ausfälle machen könnte.

 

Entwicklungen gehen in Richtung „Smart Contracts“

 

Die disruptiven Kräfte der Blockchain im Bereich Financial Services werden sich zunächst in den Bereichen Zahlungsverkehr und Handelsfinanzierung sowie in den Kapitalmärkten entfalten. Anschließend sollte die Technologie auch in den Bereichen Investment und Banking für Veränderungen sorgen – aber auch Versicherungen untersuchen derzeit intensiv, wie zum Beispiel interne Prozesse durch Blockchain-Technologie optimiert werden können.
Durch den Einsatz einer Blockchain lassen sich Handels- sowie Clearing- und Settlement-Infrastrukturen optimieren, alternative Zahlungsnetzwerke aufbauen, sensible Daten speichern und verschlüsseln sowie Eigentumsrechte nachweisen. Entwickelt werden derzeit zudem komplexere Anwendungen wie Smart Contracts, mit denen sich Vertragsinhalte für bestimmte Assets wie etwa syndizierte Kredite, die gleichzeitig von mehreren Parteien besichert werden, automatisch ausführen lassen. Vor allem für Banken bietet eine Blockchain zahlreiche Vorteile. Sie können durch die elektronische Dokumentation bestimmter Vorgänge ihre Kosten senken oder für einige Prozesse, etwa im Interbankengeschäft, die Geschwindigkeit erhöhen. Die Investitionen für die Implementierung einer Distributed-Ledger-Technologie wären überschaubar und dürften im zweistelligen Millionenbereich liegen. Die Institute müssten lediglich ihre Daten in die Blockchain transferieren und leistungsfähige Server bereitstellen. Die eigentliche Blockchain-Verarbeitung geschieht im Internet oder bei firmeninternen Anwendungen im Intranet. Im klassischen Trading stößt das System allerdings noch an seine Grenzen, weil es zu langsam arbeitet und teilweise über zu geringe Kapazitäten verfügt.

 

Blick in die Zukunft

 

Blickt man in die Zukunft, könnte die Blockchain-Technologie eines Tages dazu beitragen, in Schwellenländern die Zugangsmöglichkeiten zu Bankdienstleistungen zu erweitern, oder Instituten ein flexibleres Management von Bargeld oder Goldreserven ermöglichen. In Unternehmen ließe sich die Buchführung optimieren und B2B-Geschäfte zwischen Banken und Unternehmen im Bereich Avale oder Zahlungsverkehr könnten vereinfacht werden. Während die Bitcoin auf einer anonymen öffentlichen Blockchain („permissionless“) basiert, favorisiert die Mehrzahl der Banken und Börsen eher zugangsbeschränkte oder private („permissioned“) Netzwerke mit begrenzter Teilnehmerzahl. Diese Systeme sind leichter zu regulieren, arbeiten kostengünstiger, sind effizienter und werden bereits vielerorts in Instituten erprobt.

 

Blockchain jetzt strategisch berücksichtigen

 

In Anbetracht der erheblichen Potenziale, des rasch fortschreitenden Entwicklungstempos und der möglichen Auswirkungen auf das Wettbewerbsumfeld sollten Finanzdienstleister sich jetzt sehr fokussiert mit der Distributed-Ledger-Technologie auseinandersetzen, um individuell und abhängig vom eigenen Geschäftsmodell eine eigene Perspektive oder Strategie für eine Blockchain entwickeln zu können. Wichtig ist dabei, einen Prototyp zu entwerfen und im Umgang mit der Technologie eigene Erfahrungen zu sammeln.

 

Die Finanzbranche steht beim Thema Blockchain am Anfang eines tief greifenden Transformationsprozesses. Die wichtigsten Voraussetzungen für die breite Anwendung sind noch bestimmte technologische Verbesserungen, etwa eine Erweiterung der Kapazitäten. Ferner ist unabdingbar, dass ein Standard entwickelt wird, den alle Beteiligten eines Netzwerks akzeptieren. Darüber hinaus gilt es, die rechtlichen Grundlagen für die Nutzung einer Blockchain-Technologie zu schaffen und regulatorische Fragen zu klären.

 

Dann könnte aus der revolutionären Idee der Blockchain schon bald Realität werden und die Blockchain-Technologie in zwei bis vier Jahren großflächig in der Finanzbranche zum Einsatz kommen.