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Künstliche Intelligenz in der Medizin: Doc Digital auf Stippvisite

Digitalisierung und Künstliche Intelligenz transformieren das Gesundheitswesen. Die Chancen dabei sind mannigfaltig, wie PwC-Expertin Sevilay Huesman-Koecke erklärt. Noch aber müssen ein paar Hemmschwellen überwunden werden.

Sevilay Huesman-Koecke ist Senior Manager und Head of Business Development Healthcare & Pharma bei PwC. Die Expertin war maßgeblich an der Entwicklung der kürzlich veröffentlichten Studie „Sherlock in Health“ beteiligt. Diese wirft einen Blick auf das europäische Gesundheitswesen und seine Bereitschaft für Künstliche Intelligenz, wobei drei Vorteile in den Fokus gerückt wurden: potenzielle Kostenersparnis für die Patienten, erhöhte Effizienz der Gesundheitsleistungen sowie die Rolle, die KI für einen erhöhten Zugang zu medizinischen Leistungen spielen kann. Welche Voraussetzungen dafür geschaffen werden müssen, erklärt die gefragte Fachfrau in einem ausführlichen Gespräch.

 

Frau Huesman-Koecke, verstärkte medizinische Nachfrage einer älter werdenden Bevölkerung bei gleichzeitigem Personalmangel – eigentlich kommt man an KI in Zukunft gar nicht vorbei, oder?

Es gibt viele Trends, die das Gesundheitswesen beeinflussen werden, und das sind nur zwei davon. Hinzu kommen die erhöhte Anzahl von Langzeit- und chronischen Erkrankungen und die stetig steigenden Kosten im Gesundheitswesen. Die Kombination dieser Trends führt dazu, dass wir langfristig medizinische Lösungen entwickeln müssen, um die Herausforderungen der Zukunft stemmen zu können. Daher bin ich geneigt zu antworten: vermutlich nicht. Und nicht nur, weil vielleicht aus demografischer Sicht der Bedarf vorhanden ist, sondern weil es auch ausdrücklich durch den Patienten gewünscht wird. Laut einer kürzlich veröffentlichten PwC-Umfrage sind 41 % der deutschen Bevölkerung offen für eine Behandlung durch eine Künstliche Intelligenz. Insbesondere die jüngere Bevölkerung steht dem sehr positiv gegenüber.

 

Was ist die größte Skepsis, auf die man bei Künstlicher Intelligenz im Gesundheitswesen trifft?

Wir müssen Folgendes unabhängig voneinander betrachten: Welche Technologie wird bereits eingesetzt, die viele Patienten gar nicht wahrnehmen, und was genau stellt sich der Patient in der Interaktion mit einer Künstlichen Intelligenz denn tatsächlich vor? Viele Menschen sind bereit, bei der Überwachung des Therapieerfolgs, beim Fortschritt der körperlichen Fitness oder bei individuellen gesundheitlichen Empfehlungen mit einer Künstlichen Intelligenz zu interagieren. Wird der medizinische Sachverhalt jedoch komplexer, fehlt den meisten die menschliche Komponente, und das ist sehr gut nachvollziehbar. Es ist ein grundlegendes Bedürfnis, mit einem „echten“ Arzt zu sprechen, denn die Künstliche Intelligenz wird derzeit noch als anonymes Medium wahrgenommen, dem unter Umständen in unvorhersehbaren Momenten die richtige Handlungsempfehlung fehlt. Allerdings dürfen wir hier den Fakt „Zugang zu medizinischen Leistungen“ nicht unterschätzen. Die Skepsis gegenüber der Interaktion mit einer Künstlichen Intelligenz sinkt, je schwieriger es ist, medizinische Leistungen zu erhalten. In Deutschland haben wir ein leichtes Stadt-Land-Gefälle bei der Bereitschaft und international ein noch viel größeres. In afrikanischen Ländern sind zum Beispiel über 60 % der Bevölkerung bereit zur Interaktion mit KI und Robotern – in Nigeria beispielsweise 94 %.

 

Warum haben Sie sich diesem Bereich gewidmet? Was hat Sie angezogen?

Ich beschäftige mich seit etwa 20 Jahren mit allem, was die Gesundheit betrifft, nicht nur in Deutschland, sondern auch im Ausland. Insbesondere die digitale Transformation der Gesundheitswirtschaft ist sehr facettenreich und wir können im internationalen Vergleich viel lernen. Die Künstliche Intelligenz ist nur ein Teilbereich der Digitalisierung. Daneben haben wir auch Lösungen in den Bereichen IoT, Automatisierung, Blockchain, Virtual Reality etc. Neue Technologien bringen disruptive Innovationen und verändern den traditionellen Behandlungspfad des Patienten. Einige Fragen, die wir uns im Rahmen der „Sherlock in Health“-Studie beispielsweise gestellt haben, sind: Können Herzinfarkte verhindert werden, wenn mit KI die Gesundheitsdaten getrackt werden? Kann mithilfe von KI eine Krankheit im Vergleich mit traditionellen Diagnosemöglichkeiten viel früher diagnostiziert werden? Wie wird die Vergütung der KI-Technologie aussehen, wer soll dafür bezahlen? Helfen KI-Lösungen in der Nachbehandlung bzw. der Pflege? Das sind doch alles sehr spannende Fragen! Die Möglichkeit, mit PwC-Experten an den Antworten zu diesen Fragestellungen zu arbeiten, ist absolut bereichernd und macht Spaß.

 

Bei der Diagnose und Behandlung auf der Basis von KI und Big Data ist die Hemmschwelle sicher niedriger, aber Prädetermination ist schon schwieriger: Niemand will lediglich aufgrund einer solchen Einschätzung beurteilt werden.

 

Wie lässt sich beides – Bedenken sowie Gefahren – vermeiden?

Datenschutz und Informationssicherheit sind immens wichtig, denn es handelt sich hier um sehr sensible Daten. Mit diesem Thema müssen sich alle Beteiligten im Prozess intensiv auseinandersetzen und ein vertrauensvoller Umgang mit Patientendaten ist notwendig. Die Details und regulatorische Rahmenbedingungen können unsere IT- und Datenschutzexperten natürlich noch viel besser erläutern, auch im Hinblick auf die EU-Datenschutz-Grundverordnung, die Ende Mai 2018 in Kraft tritt. Ich persönlich denke, dass eine gesunde Skepsis natürlich und menschlich ist, solange die Transparenz fehlt, was mit gesammelten Daten passiert, wo diese gelagert werden und wie lange und vor allem wer Zugriff darauf hat. Die Skepsis sinkt erst dann, wenn es ganz klar ist, um was es genau geht, und der Patient die Hoheit über die eigenen Daten behält. Das Szenario der Frage spielt eher im hypothetischen Bereich, wenn die Rahmenbedingungen von heute gleich blieben. Ich denke, wenn tatsächlich irgendwann vorausgesagt werden kann, wer wann an welcher Krankheit leidet, dann werden auch andere Parameter verändert werden müssen.

 

Jede Industrie, die in der Digitalisierung steckt, hat Angst vor Jobverlust. Wie ist das in der Medizin? Sehen Ärzte – traditionell „Götter in Weiß“ – ihren Status durch KI bedroht?

Die Digitalisierung und insbesondere die Künstliche Intelligenz werden den Arzt auf absehbare Zeit nicht ersetzen, denn die klassische Patient-Arzt-Beziehung kann nicht einfach substituiert werden. Der Arzt muss immer noch die Anamnese und die Diagnose durchführen und basierend darauf die Therapie planen. Wir sollten uns die Frage stellen: Was ist zukünftig die Rolle des Arztes und was könnte die Rolle der Künstlichen Intelligenz sein? Aufgrund des herrschenden Fachkräftemangels sehe ich hier Chancen, bestehende Ressourcen effizienter einzusetzen und Prozesse zu optimieren. Die KI kann dem Arzt als technologisches Hilfsmittel entlang des Patientenpfades unterstützend zur Seite stehen, wenn es zum Beispiel um die Überwachung von Therapieerfolgen (Herzerkrankungen, Diabetes), die schnellere Diagnoseerstellung (Tumorerkennung) oder Bearbeitung von Laborergebnissen (Blutproben) etc. geht, oder sie kann direkt in der Ausbildung (Simulation von Krankheitsfällen) und der Forschung (Bearbeitung großer Datenmengen) eingesetzt werden. Der Arzt kann, sofern die KI zu Zeitersparnissen führt, dann unter Umständen viel länger persönlich mit dem Patienten interagieren, denn das wünschen sich diese – mehr Zeit mit ihrem Arzt. Auch eine reibungslose Verzahnung der Sektoren – Arzt, Krankenhaus und andere Leistungserbringer – und eine Unterstützung zur Erhöhung der Versorgungsqualität wären denkbar.

 

Könnte man ein heute neugeborenes Kind in seiner medizinischen Biografie bereits vollständig von KI begleiten lassen?

Um diese Frage medizinisch kompetent zu beantworten, bräuchte ich natürlich ärztliches Fachwissen. Im Krankheitsfall hängt dies unbedingt von der Diagnose und dem Therapieplan ab. Was die technologische Seite betrifft, denke ich jedoch, dass dies bei Einhaltung aller regulatorischen Rahmenbedingungen sicherlich möglich ist. Wir haben in unserer breit angelegten Studie „Sherlock in Health“ herausgefunden, dass sich zum Beispiel aus den Gesundheitsdaten Zweijähriger ablesen lässt, ob das Risiko, später an Übergewicht zu leiden, gegeben ist oder nicht. Der Einsatz von KI kann also in der Prävention auch in jungen Jahren sehr gute Ansätze liefern. Allerdings zeigen unsere Umfragen auch, dass – wenn es um Familienangehörige geht – die Hemmschwelle für den Einsatz von KI höher ist als bei einem selbst. Die Frage ist hier eher, ob man sich darauf einlassen will.

 

Werfen Sie einen kleinen Blick in die Zukunft: Wie selbstverständlich ist KI im Gesundheitswesen im Jahr 2040?

Wir haben in den letzten Jahren eine rasante Entwicklung gesehen und es gibt keine Konferenz, auf der nicht über die Digitalisierung im Gesundheitswesen gesprochen wird. Viele Länder sind einige Schritte voraus und teilen ihre E-Health-Erfahrungen mit uns, wie zum Beispiel die skandinavischen Länder. Vor knapp zehn Jahren wurde das Smartphone auf den Markt gebracht, heute können wir uns ein Leben ohne kaum vorstellen. Daher kann es sehr gut sein, dass ¬– bei entsprechenden Regularien – die Künstliche Intelligenz in knapp 25 Jahren vermutlich als Selbstverständlichkeit gesehen wird, da sie viele Ziele der Gesundheitspolitik auf einer ganz anderen Ebene zusammenbringen kann. Kosten können reduziert werden, viele Menschen werden Zugang zu Gesundheitsleistungen erhalten, die sie jetzt noch nicht so einfach haben, die Qualität der medizinischen Versorgung kann verbessert werden und jeder Patient hat einen persönlichen Nutzen davon.